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Neue Arbeit Neue Kultur

Neue Arbeit muss her


Frithjof Bergmanns Analyse über das Reizthema Arbeitslosigkeit


Arbeit gibt es eigentlich genug, nur keine Arbeitsplätze. Doch es fehlen die nötigen Rezepte. Wo deutsche Politiker unisono mehr Wachstum fordern, kritisiert der in Sachsen geborene und nach Amerika emigrierte Philosoph Frithjof Bergmann vom Zentrum für Neue Arbeit in Ann Arbor diesen Ansatz als "Wirtschaftswachstumswahnsinn". In seinem Buch "Neue Arbeit. Neue Kultur" fordert er dazu auf, sich zumindest teilweise vom Zwang des Geldverdienens zu befreien und sich stärker auf das zu besinnen, was wir "wirklich wirklich wollen".

Falsch sei, "dass man in Deutschland alles auf einen Begriff setzt oder auf ein Rezept", sagt Bergmann. "Der entscheidende Punkt ist die Monomanie." Nämlich die Vorstellung von einem einzigen Rezept, von einer einzigen Antwort. Bergmann selbst will eine Gegenwirtschaft. Er ist ein Visionär der Arbeit, mit kurzfristigen Rezepten zur Behebung der Arbeitslosigkeit kann er nicht dienen. Er sagt: "Die Industriegesellschaft zerstört sich selbst." Den Laptopmenschen gehört die Zukunft.

Traum der Vollbeschäftigung ist ausgeträumt
"Es war ein fürchterlicher Fehler, sich einzureden, dass wir in einem Übergang von einer herstelllenden zu einer Dienstleistungsgesellschaft sind, und dass in verhältnismäßig erreichbarer Zeit so viele Jobs im dienstleistenden Sektor entstehen würden", beklagt Bergmann. Der Traum der Vollbeschäftigung ist also ausgeträumt? "Jetzt sehen sehr viele Menschen, dass genau das Gegenteil der Fall ist. Im Dienstleistungssektor kann man schneller wegautomatisieren als im herstellenden."


Schon 1966 blickte man auf vierzig Jahre Politik ohne Rezept zurück. 600.000 Arbeitslose, eine Quote von 2,6 Prozent, waren die Folge. Automatisierung und Rationalisierung forderten die ersten Opfer. Hans Kratzer von der CDU erklärt 1966: "Wir müssen dem Menschen, der einen Beruf ergriffen hat, klar machen, dass er in der modernen, sich rasch wandelnden industriellen Welt, auch durch Automaten, er in die Lage versetzt werden kann, mehrmals möglicherweise in seinem Arbeitsleben seinen Beruf zu wechseln."


Seit dieser Zeit habe der Staat eine Entwicklung geduldet, in der das Gleichgewicht verloren gegangen sei, kritisiert der Philosoph, "in der die Macht der großen Konzerne so angestiegen ist, dass sie tatsächlich so etwas wie eine Tyrannei ausüben. Ich würde absolut sagen: Es ist nicht mehr demokratisch". Bergmann fordert: Neue Arbeit muss her - eine Alternative zur klassischen Lebens- und Arbeitswelt, denn das Lohnsystem sterbe ab: Wirtschaft sollte für den Menschen da sein, nicht umgekehrt. "Wir leben in einem Zustand, wo wir aus Verzweiflung alles opfern, um die große Dampfmaschine, die angeblich Jobs erzeugt, auf Hochtouren zu bringen", beklagt Bergmann. "Das Bild ist: Wir sind bereit, auch die Familienfotos zu verbrennen, die Musikinstrumente zu verbrennen. Wir sind bereit, die Kultur zu opfern, um diese Jobmaschine dazu zu bringen, mehr Jobs zu erzeugen."

Hightech-Eigenproduktionen
Er will andere Wege beschreiten - mit Hightech-Eigenproduktionen etwa, der Herstellung von Produkten mit hochmoderner Technologie in kleinen Werkstätten oder in gebündelten Ich-AGs. Bergmann möchte Produktionsnetzwerke schaffen, Stipendien für Arbeitslose, um verschüttete Kreativität zu wecken. Auf jeden Fall will er weg von der Massenproduktion. Stattdessen sollen schlichte, praktische Produkte von Käufern selbst entworfen werden. Klein heißt die Devise, nah am Menschen. Und Computer dienen als Netzwerkzeug, was vor allem für Jüngere kein Problem sein dürfte.

"Wenn man den Menschen sagt, das entwickelt sich jetzt weiter und ihr könnt zum Beispiel Brillen selber und ihr könnt weiter mit raffinierten Maschinen Jeans herstellen", wäre damit, laut Bergmann, quasi ein Entwicklungsschub eingeleitet. Mit einem Gerät von der Technischen Hochschule Darmstadt zum Beispiel. Die Minifabrik steckt jedoch noch in den Kinderschuhen. "Es gibt jetzt schon eine Vielfalt von diesen Maschinen, die Fabrikatoren genannt werden", zeigt sich der Philosoph begeistert. "Ich habe ein paar Bilder von Dingen, die ein Fabrikator jetzt herstellen kann. Und es ist wichtig, die Umkehrung zu sehen. Ich glaube, wenn man in Deutschland davon anfangen würde, dass man Tomaten züchtet, das ist verlorene Mühe. Das ist der Schritt zurück, das ist eine Kapitulation. Das wird natürlich gemacht, besonders von Leuten, die irgendwie grün orientiert sind, das wird als Lösung gesehen. Das prallt bei jungen Leuten aber regelrecht zurück." Bergmanns Fazit ist ganz offensichtlich: Querdenken tut not.

falls Sie mitmachen wollen oder mehr Informationen über laufende Projekte F. Bergmann`s haben möchten, gehen Sie auf seine webside:
 
www.newwork-newculture.net